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Referat zu "ACT und Politik"


Welt-Verbesserung

Vor kurzem erschien ein Buch von A. Biglan mit dem Titel "The Nurture Effect. How the science of human behavior can improve our lives and our world" (zum Verlag). S.C.Hayes schrieb das Vorwort, D.S.Wilson das Nachwort.

Das Buch versucht eine Ausweitung/Anwendung psychologischer Forschung auf gesellschaftliche Probleme, vor allem unter dem Einfluss von ACT. Es schlägt förderlichere Bedingungen in Familien, in Schulen, aber auch im wirtschaftlichen Geschehen vor. Immer wieder werden Folgerungen für den Einzelnen, die Bürger und die Politik formuliert.

Biglan schreibt in einem sympathisch persönlichen Stil entlang seiner Erkenntnisse und Entdeckungen über die Brille der psychologischen Disziplin hinaus. Und doch bleibt er - vielleicht mehr als Skinner (1948) - zu sehr im Individualpsychologischen.

Biglans erkenntnistheoretische Grundlage ist der Pragmatismus. Eine Grundlage, die ich mit ihm teile. Er bevorzugt die Version des funktionalen Kontextualismus [1] , dessen Ziel "Voraussage und Beeinflussung" von Verhalten ist. Und das scheint mir bereits ein oder gar der Knackpunkt zu sein. In Einzeltherapien fällt das Problem noch nicht auf, obwohl es auch schon existiert: Therapie ist von meinem Verständnis her nicht einfach Einfluss, sondern Kooperation. Wissenschaft, die sich um Physik oder Biologie kümmert, hat hier noch kein Problem. Doch bereits in der Sozialpsychologie der Therapie sind die Handlungen der Beteiligten ineinander verschränkt. Nur im Extremfall nimmt der Patient einen einseitigen Einfluss des Therapeuten auf ihn hin. Und vielleicht ist das nicht einmal der wünschenswerteste Fall. Noch schärfer wird die Problematik im Gesellschaftlichen. Wer hier einseitig Einfluss ausüben will, muss das in einer Position der Herrschaft tun. Oder er muss erst einmal Einfluss auf die Herrschenden nehmen. Ein anderer Einfluss wäre der innerhalb demokratischer Gremien. Dort wird es nicht ohne Auseinandersetzungen gehen. Doch in Biglans kompletten Ausführungen vermisse ich eine Erwähnung der Notwenigkeit zur Auseinandersetzung. Disput ist nicht vorgesehen, wird nicht behandelt.

Stattdessen geht es um Prosozialität. Es soll prosoziales Verhalten gefördert werden. Prosozial wird nicht etwa funktional oder funktionalistisch definiert, sondern eher topografisch: Prosoziales Verhalten ist Freundlichkeit, produktive Arbeit, unterstützendes Verhalten, Kreativität (S. 16). Noch offensichtlicher wird der vorherrschend topografische Charakter der Definition in den späteren Beispielen des Gegenteils: Aggressiviät, Schulversagen, Drogen- und Alkoholprobleme, Delinquenz, Partnerkämpfe, Scheidungen, Depression, konflikthafte Beziehungen. Und immer wieder taucht im Buch auf, dass das der Gesellschaft Kosten verursacht.

Eine funktionalistische Definition des in Frage stehenden Verhaltens könnte anders aussehen: In der Kooperation verschränkt sich das Verhalten von mehr als einer Person miteinander. Es ergänzt sich sowohl in den Absprachen zu den Zielen als auch zu den Methoden. Beides geht laufend in die Wertebildung der Beteiligten ein, wächst im gelingenden Fall zusammen. Dann gilt aber nicht der Einfluss des einen auf den anderen, sondern ein gegenseitiger. Die Funktion ist allerdings dann nicht a priori definiert, allenfalls in der Richtung auszumachen: die Richtung gilt dem Lebenserhalt aller und dem Zugang aller zu den verfügbaren, für Menschen bedeutsamen Resourcen.

Und hier ist der Disput elementar. Nicht erst in der Wissenschaft, sondern bereits zwischen Eltern und Kind. In den Disput bringen sich die Kooperationspartner ein. Hier versuchen sie gegenseitigen Einfluss. Wenn er einseitig ist, verlässt er die Kooperation, wenigstens sobald der Mensch eigene Willkürhandlungen beherrscht.

Im Hin und Her des Disputs, der Auseinandersetzung gibt es durchaus konstruktive und destruktive Formen, also auch topografisch fassbare Eigenheiten. Entscheidend ist ihre Funktion, ihre Wirkung. Biglan prangert die "Coercion" (den Zwang) als destruktiv an. Er sei das Haupt-Hindernis für einen fürsorglichen, pflegenden Stil. Doch auch Zwang kann - auch langfristig betrachtet - oft funktional sein. Nehmen wir als Beispiel das Kind, das gehindert werden muss, auf die belebte Straße zu laufen, oder den Gewalttäter, den wir festnehmen (lassen). Bedeutsam ist nicht nur die direkte Wirkung, sondern der Verlauf.

Ich schlage folgende Charakterisierung "prosozialer" Verhaltensweisen vor, verwende aber lieber das Wort "kooperativ": "Ein Verhalten ist kooperativ, wenn es die Perspektiven Beteiligter und Betroffener berücksichtigt (s. Perspektivenübernahme und Kooperation). Da menschliche Perspektiven aber im Verlauf bedeutsam werden, ist der Verlauf der Kooperation bestimmend. Vor allem hinsichtlich der (gemeinsamen) Zukunft." Erzwingendes Verhalten ist dann antisozial, wenn es die Möglichkeiten des Kooperationspartners auch auf lange Sicht verengt und weder eine gemeinsame noch eine getrennte Zukunft vorbereitet. Berücksichtigung finden müssen aber nicht nur die gerade Beteiligten, sondern auch potenziell Betroffene.

Zurück zu Biglans Buch. Er sieht den Erfolg uneingeschränkter Durchsetzung des Marktes in den letzten Jahrzehnten durchaus kritisch. Korrekturen oder wenigstens Milderungen seiner Rücksichtslosigkeit möchte er mit staatlichen Auflagen und mit einer Stärkung kritischer Nicht-Regierungs-Organisationen ("Advocacy Organisations", also Interessensvereinigungen) voranbringen.

In Anwendung von ACT und ausgehend vom vorhandenen Repertoire der Angesprochenen will er psychische Flexibilität durch klinische Interventionen, Workshops und die Medien fördern. Ähnlich Empathie. Interessensvereinigungen sollen das unterstützen. Über allem steht die Selektion durch Konsequenzen, die nun genutzt werden soll, um pflegende, fördernde Umgebungen ("nurturing environments") zu schaffen.

Die Forderungen scheinen mir - gelinde gesagt - brav.

Wenn wir das therapeutische Kämmerlein verlassen und uns gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen stellen wollen, treffen wir unter anderem auf folgende Probleme:

Privilegierte Menschen und Gruppen wollen ihre Sicherheit, dass die Verhältnisse stabil bleiben. Unterprivilegierte wollen sie ändern, haben aber wenige "prosoziale" Mittel zur Verfügung, um diese Änderungen herbeizuführen.

Die Mittel derer, die die Macht haben, um die herrschenden Zustände aufrecht zu erhalten, sind faktisch erzwingend, auch wenn das verbal geleugnet wird. Das Rechtssystem wird vorwiegend auf weniger mächtige Gruppen angewendet (vgl. z.B. Nešković).

Wenn wir davor nicht kapitulieren und uns wieder in die - momentan und hier - sichereren kleinen Verhältnisse zurückziehen wollen, stehen wir vor folgenden Fragen:

Aber es geht nicht nur um unser Verhalten, sondern auch um Strukturen, die es umzugestalten oder zu verbessern gilt. Das will ich kurz an einem Beispiel verdeutlichen: In den von Biglan berichteten Projekten im Bildungssystem werden z.B. spielerisch prosoziale Verhaltensweisen gefördert. Durchaus mit nachvollziehbaren Erfolgen. Wenn aber das Bildungssystem als Ganzes den Erfolg in der Konkurrenz belohnt, werden nur einige bisherige Verlierer zu Gewinnern auf Kosten anderer. Sie lernen verfeinerte Mittel der Durchsetzung. Wir haben weiterhin ein Bildungssystem, das auf Vergleichsnoten aufbaut und die Berufskarriere von feinsten Notenunterschieden abhängig macht.

Eine überall verquickte Welt erzeugt weltweit Gewinner und Verlierer, wenn sie nicht in ihren Gesamt-Regeln auf Kooperation fußt. Das derzeit herrschende System, der "Corporate Capitalism" bei Biglan, der neoliberale Kapitalismus basiert auf Konkurrenz. Kooperation ist dem untergeordnet. In einem solchen System sind prosoziale Verhaltensweisen nur topografisch kooperativen Verhaltensweisen ähnlich. Perspektiven-Übernahme hat da auch ihren Platz, nämlich zur raffinierteren Übervorteilung. Entscheidend aber ist ihre Funktion. Dann sind sie nur raffiniertere Arten der Durchsetzung. Offensichtlich wird das an den kriegerischen Krisenherden der Welt und den krassen Unterschieden zwischen Reichtum und Hunger bis Tod.

Biglan sieht den Schaden, den die ökonomische Ungleichheit anrichtet. Das System steht aber für ihn nicht zur Disposition. Er will seine Auswüchse mildern, vor allem die der letzten Jahrzehnte. Er hat dabei offensichtlich nur die Vereinigten Staaten im Auge. Nicht die krassen weltweiten Unterschiede. Nicht die strukturelle Gewalt, die täglich Menschen tötet. Über das traditionell behavioristische und psychologische Auge hinaus müssten umfassende gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen berücksichtigt werden. Sie sind von Menschen gemacht worden, werden es täglich. Sie könnten von Menschen beseitigt oder verändert werden.

Wenigstens in folgenden Punkten könnte am herrschenden System, an seiner ganz und gar nicht kooperativen Herrschaft gerüttelt werden:

In diese Richtung ändert sich natürlich an den Strukturen nichts ohne unser Zutun, ohne Verhaltensänderung. Also nochmal zurück zum "Einfluss" (influence), den der funktionelle Kontextualismus versucht. Es geht tatsächlich um Einfluss, auch wenn er in meiner Vorstellung nicht einseitig, sondern verschränkt in die Einflüsse anderer ablaufen sollte und kann. Angesichts der gewaltigen Mächte, die uns bedrohen, den einzelnen Menschen erdrücken, ihm seine Nichtigkeit demonstrieren können, reicht uns nicht die Illusion von Einflussnahme in Computer-Spielen oder Action-Filmen. Wenn wir wenigstens vage eine Ahnung, eine Vision einer besseren Welt und einer wünschenswerteren Zukunft haben, als wir sie derzeit vorfinden, suchen wir wirkliche Einflussmöglichkeiten, falls wir noch nicht resigniert haben. Und dabei müssen wir uns gefasst machen auf die vielen Einflüsse anderer, die uns nicht zusagen oder sogar erschrecken. Die Verkrustungen der Apparate. Den Widerstand derer, die heute das Sagen haben. Oder derer, die ihnen hinterherlaufen.

Eine spannende Frage hier wäre, wie wir mit unseren resignativen Tendenzen angesichts dieser Übermacht umgehen, sie hinter uns lassen können. Denn da erwarten uns täglich Frustrationen, immer wieder Misserfolge, eigene Unzulänglichkeiten. Ich vermisse in einem Buch aus der psychologischen Disziplin Hilfen dazu.

Was wir brauchen ist Mut und Ermutigung. Selbst und gegenseitig. Nicht in verbaler Aufforderung, sondern in der überzeugend vorgelebten Einmischung, dem Gegenteil von Rückzug und Enthaltung. Einmischung besteht aus Nein und Ja, aus Unterstützung und Widerstand, aus Eigensinn und Mitmachen, immer wieder neu gewählt. Verbunden und vernetzt mit anderen. Das ist Kooperation. Nicht ein prosoziales, angepasstes, unauffälliges Verhalten, das niemandem weh tun soll.

Ergänzt werden sollte dieser Mut durch gemeinsames und inneres Ringen um angemessene Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen. Ein solches Ringen besteht aus Auseinandersetzung, Disput, Streit. Bei immer wieder versuchter Perspektivenübernahme und Empathie. Letzere sind im Biglan-Buch zu fördernde Verhaltensweisen, Objekte der Einflussnahme. Doch zuallererst sind sie unsere Mittel zu Veränderungen.

Auch im ursprünglichen Feld von ACT, der Psychotherapie, sollte es nicht nur darum gehen, vom Symptom zurück zur Unauffälligkeit zu finden, sondern sein Leben zu gestalten. Und das geht nicht ohne ein Eingreifen in die Belange auch anderer Menschen. Das können nur Therapeuten glaubwürdig vermitteln, die es auch außerhalb ihrer Therapie-Arbeit selbst tun.

So betrachtet sind dann Psychotherapie und gesellschaftliche Einflussnahme nicht mal so fern voneinander.

(Diese Seite wurde inzwischen als Rezension in die Zeitschrift "Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis 3/2015" übernommen.)

Fußnoten
  1. [1] Hayes, S.C., Analytic Goals and the Varieties of Scientific Contextualism. Reno, NV: Context., 1993
  2. [2] Kohlenberg, R.J., Tsai, M., Functional Analytic Psychotherapy. New York, London: Plenum Pr., 1991