Gesunde Beendigungen 
S.C. Hayes schrieb gestern in der fachinternen internationalen Mailingliste eine Mail über gesunde Beendigungen, zunächst bezogen auf Therapie-Beendigung, aber dann ausgeweitet auf andere Beziehungs-Beendigungen. Die Mail hat mich berührt, weil es mir im Laufe meines Lebens immer mehr ein Anliegen geworden ist, Beziehungen, Einsätze, Aufgaben in versöhnlicher Weise zu beenden.

Ich habe meinen Kassensitz als Psychotherapeut vor kurzem abgegeben, konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten mit meinen Patienten bewusst und beiderseits getragen die Therapien abschließen oder abgeben. Es war auch eine Beendigung meines Erwerbslebens, wenigstens zum größten Teil. Irgendwann - hoffentlich noch in weiter Ferne - werde ich mein Leben abgeben. (Ich möchte noch viel tun bis dahin.) Auch letzteres war Teil der Mail von Hayes.

Was ist so wertvoll daran, bewusst zu beenden? Das Gebaute, die Verbindung(en) nochmal wert zu schätzen, aus der bereits gewonnenen Distanz und ohne große Nutzungsabsicht Feedback zu geben und zu bekommen, Aufgaben abgeben oder sogar übergeben, Kontinuität sichern oder wenigstens versuchen, auch fürs Weitermachen an anderer Stelle, den Schmerz der Trennung bewusst erleben und seine verbindende Seite über die Trennung hinaus. Wahrscheinlich ist das nicht erschöpfend. Aber viel genug.

Bewusst und versöhnlich beenden heilt vielleicht viele Abrisse gerade auch in heutiger Zeit, in der sogar Liebesbeziehungen per SMS oder gar indirekt mit Schweigen beendet werden. Und auch dieser Aspekt findet sich sich bereits in der Mail von Hayes. Solche Qualität versöhnt mich immer wieder mit ihm, wenn ich mich von seiner Tendenz, sich als Guru von ACT anzubieten, distanziere.

Gerhard Kugler


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Den Mangel spüren 
Schlechte Stimmung und negatives Denken begleiten mich nicht ständig, aber sie kommen vor. Wenn ich dazu so eingestellt wäre, wie es mir viele (manchmal denke ich: die meisten) vormachen, würde ich immer rasch etwas dagegen tun. Aber ich fürchte, ich würde dann den Mangel nicht spüren, der dahinter steht.

Vor einiger Zeit las ich, dass in irgendeinem Land - ich glaube, es war England, aber das war exemplarisch - die Menschen trotz Übergewicht Mangelernährung bezüglich mancher Stoffe haben. Das scheint mir symptomatisch. Mit der Stimmung sieht es nämlich ähnlich aus. Die Leute sind gut drauf, obwohl es keinen Grund gibt: Überall mangelt es: an beruflicher Perspektive, an sinnvollem Unterricht in den Schulen, an körperlicher Fitness, an zwischenmenschlicher Unterstützung, an menschlicher Nähe und Wärme, an interessanten Gesprächen, an interessanten Abenden. Überhaupt: Vielen ist es oft langweilig. Dann wird auf Teufel komm raus etwas unternommen, der Abend mit TV oder DVD gefüllt, ein Fest mitgefeiert, wo es nichts zu feiern gibt.

Die Mangelernährung auch geistig mit leerer Überfütterung zugedeckt.

Erlebnisvermeidung zieht sich durchs Alltagsleben. Erlebnisoffen wäre anders. Und wenn es vielen wirklich so gut ginge, wie sie tun, dann sollten sie sich um andere kümmern, denen es dreckig geht, in der Nähe oder auch weiter weg. Denn der Mangel anderer wird auf sie zurückfallen.

Erlebnisoffen heißt: den Mangel spüren. Nicht jammern und klagen. Nicht wütend werden. Das wäre schon wieder Ablenkung. Ein Abwälzen auf andere, die das abbekommen. Wenn ich Mangel spüre, dann nagt es an mir, in mir. Je länger ich das zulasse, desto klarer wird mir der Wert, dessen Verwirklichung ich vermisse. Desto deutlicher wird mir die Richtung, die ich einschlagen muss, um den Mangel zu beseitigen. Und ich kann dann in kleinen Schritten anfangen. Auch andere zur Unterstützung einbeziehen. Und dann kommt wieder Hoffnung auf. Die trägt mich durch die größeren Unternehmungen.

Der Mangel zeigt mir, was wichtig ist. Woher sonst sollte ich es wissen? Mangel zeigt Werte. Woher sonst sollte ich sie kennen?

Gerhard Kugler

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Entscheiden oder Wählen 
Lange knabberte ich an der Unterscheidung zwischen Entscheiden und Wählen (in der ACT-Literatur). Es war mir klar, dass zunächst gemeint war, dass der Kopf mit Argumenten entscheidet: positive auf die eine Seite, negative auf die andere. Dann wird bilanziert. So fällt eine Entscheidung. Das ist das Geschäft des Verstands. Wahlen trifft aber nicht der Verstand. So in ACT vertreten.

Und schon da hörte es bei mir auf. Wer denn trifft dann Wahlen? Der Alltagsmensch sagt: das Gefühl. Doch Gefühle sind wahnsinnig bestechlich. Buchstäblich von Stimmungen abhängig. Das wäre ein schlechter Tausch. Verstandesargumente ändern sich rasch. Gefühle oft noch rascher. Außerdem sind sie konservativ: aus alten, vielleicht sogar uralten Erlebnissen geprägt. Auf ihre Fundiertheit ist kein Verlass.

In ACT wäre es wohl eher die Intuition. Ich dachte da an den "ganzen" Menschen. Aber wäre das denn eine aufschlussreiche Kennzeichnung? Wie kann ich wissen, dass ich ganzheitlich ahne, vielleicht sogar eine Vision habe, und dann mit festem Schritt in eine Richtung gehen kann?

Ein aktuelles persönliches Erlebnis erhellte jetzt doch mehr. Wenn Menschen entscheiden, nehmen sie negative Argumente, also solche, die von einem Weg abhalten können, genauso wichtig wie positive, also solche, die den Weg aussichtsreich machen. Viele Menschen nehmen die negativen Argumente sogar wichtiger für die Richtungsbestimmung als die positiven. Dann wird natürlich vollends klar, was das für eine merkwürdige Rechnerei ist. Lebensweg im Dienste von Vermeidungen.

Wählen heißt: etwas Wollen und für verwirklichbar Halten. (Letzteres sollte natürlich zutreffen.) Und dann die Hindernisse angehen. Die machen Angst. Genau diese Angst ernst nehmen, sie nicht beiseite drücken. Ihr und ihren Inhalten vielleicht sogar ganz besondere Beachtung schenken. (Sie muss ja wohl einen Sinn haben!) Immer wieder das tun, dessen Unterlassen bedrohlich wäre. Also nicht: Augen zu und durch! Augen auf und hinein! Wegen der getroffenen Wahl das Beängstigende voll Bereitschaft angehen.

Und gewärtig sein, dass das Gewählte scheitern kann! Natürlich! Denn wir sind keine perfekten Vorausseher. Und keine perfekten Umsetzer. Wir machen Fehler. Und die können das Gewählte sogar kaputt machen.

Aber Wählen macht selbst dann frei und reich, wenn wir das Gewählte verfehlen. Das ging mir in einer eigenen Lebens-Wahl (statt Lebensentscheidung) so. Ich bereue sie nicht. Auch das Scheitern hat mir viel gegeben.

Der Gegensatz zu einer guten Wahl ist nicht die schlechte, sondern die Nicht-Wahl. Darunter fallen oft viele Entscheidungen, die wir treffen. Die aus der Angst genährt sind.

Gerhard Kugler

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Kämpfe gegen Gefühle 
Wenn Menschen grübeln, wenn sie sauer sind und gar rumschreien, wenn sie sich selbst im Weg stehen, etwas Sinnvolles anzugehen, kämpfen sie in der Regel gegen Gefühle, die sie nicht zu ertragen glauben. Und handeln sich genauso schlimme ein.

Der tägliche, manchmal stündliche Wandel um uns stellt uns immer neue Aufgaben: Weil etwas schiefgegangen ist. Weil sich etwas nicht so entwickelt, wie wir wollen. Die neue Lage erzeugt Enttäuschung, Befürchtungen, Zweifel. Das wollen wir nicht haben. Die Gründe können wir oft nicht gleich oder in absehbarer Zeit ändern. Also geht es an die Auswirkungen auf uns: Wir machen uns dann rum in Manipulationsversuchen unserer Gefühlswelt. Die soll auf Teufel komm raus wieder in Ordnung gebracht werden. Ist ja unser Inneres. Da können wir machen, was wir wollen. Also legen und biegen wir innen zurecht, was wir können. Und wenn es nicht funktioniert, machen wir noch mehr davon. So kommen wir ins Grübeln, Ablenken, überstürzte Lösungen. Oder machen dumme Sachen wie unnötige Käufe oder Essen bis zum Geht-nicht-mehr. Am Ende schaffen wir noch zusätzliche Probleme. Ein endloses Bemühen.

Alternative? Negative Gefühle da sein lassen, bis sie von selbst abflauen. Mit festen Beinen auf dem Boden stehen, in der Wirklichkeit um uns, auf die wir einwirken können. Besonnen und weitsichtig, so gut uns das möglich ist. Ohne inneren Kampf haben wir dafür genug Kraft.

Gerhard Kugler

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Sich Schützen oder Springen 
Es gibt vielfältige Arten des Selbstschutzes: Pokerface, Lügen, Erwünschtheit (um nicht angegriffen zu werden); Konzentration auf Materielles (Finanzielles), um nie abhängig zu sein; ein dickes Auto (um im Falle eines Unfalls mehr Knautschzone zu haben).

Lauter Absicherungen.

Nur halten sie nicht ewig. Das Auto wird alt, die Aktien verlieren an Wert, die Lügen werden aufgedeckt, das Pokerface durchschaut. Nutzt es also alles nichts? Keineswegs. Es ist nur mehr oder wenig hinderlich an einem reichen Leben. Und Schutz muss sein. Ich werde nicht bei minus 20 Grad leicht bekleidet draußen sitzen. Ich lasse nicht meine Haustür offen, wenn ich weg bin. Der nötige und ausreichende Schutz richtet sich nach den jeweiligen Lebensbedingungen. Meist übertreiben die Menschen, weil sie irgendwann schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und diese Übertreibungen wenden sich dann auf lange Sicht gegen sie. Sie beschäftigen sich fast nur noch mit Absicherungen, statt das Leben zu "erobern". Je älter sie werden, desto schlimmer schaut das aus.

Die Wichtigkeit des Materiellen im Leben der meisten Menschen um mich scheint mir gar kein Materialismus, sondern eine Konzentration aufs Sichere zu sein. Je greifbarer die Sicherheiten sind, desto mehr glauben sie daran. Am meisten beruhigt sie das dicke Konto auf der Bank.

Gelebt wird aber damit nicht. Leben heißt immer wieder: Springen. Das wird in der ACT-Literatur an vielen Orten beschrieben. Springen ins Unbekannte. Durchaus mit Risiken. Nicht waghalsig, schon mit Abklopfen der möglichen Folgen. Doch Sicherheit liefert das nicht. Manche geben sich mit vertrauten Risiken zufrieden. Ein unbekanntes Reiseland. Ein neues Lokal. Doch es geht um mehr. Neue Menschen kennenlernen. Keine Berührungsängste mit anderen Überzeugungen. Gewohnheiten der Lebensführung überprüfen. Bewegungen über den üblichen Ablauf hinaus. Immer wieder springen. In wenig bekanntes Gelände.

Ein Freund machte mir mal das Kompliment, dass ich mich nie mit dem Bekannten zufrieden gäbe, immer wieder offen für Neues sei. Ein schöneres Kompliment habe ich nie gehört. Hoffentlich bin ich noch auf diesem Kurs. Denn man wird mit der Zeit blind für das Leben außerhalb des Bekannten, außerhalb der Absicherungen.

Gerhard Kugler

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